Was sind Leerverkäufe?

Börsenwissen praktisch auf den Punkt gebracht

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Thomas Vittner

In diesem Artikel sprechen wir über das Thema Leerverkäufe. Trotz einer theoretischen Einführung in das Thema wollen wir dabei den Praxisbezug nicht aus den Augen verlieren.

Von Gastautor Thomas Vittner gibt es noch einen weiteren Beitrag über Leerverkäufe, der das Thema mehr aus der Sicht eines Traders behandelt. Hier in diesem Artikel halten wir uns mehr an allgemeine Erklärungen.


Was ist ein Leerverkauf?

Der Begriff Leerverkauf kommt aus dem Bereich Aktienhandel. Als Leerverkäufe bezeichnet man eine Handelstechnik, bei der man Aktien verkauft, die man eigentlich gar nicht besitzt.

Jetzt drängt sich vermutlich die Frage auf, wie und warum man das tut. Das besprechen wir im nächsten Abschnitt.

Leer verkaufen wird oft auch als "Short selling" bezeichnet. Diese Bezeichnung stammt aus England und bedeutet, dass die Aktien fehlen, aber trotzdem verkauft werden.
("short of something" = "es fehlt an etwas")


Warum macht man Leerverkäufe?

Der klassische Anleger kauft Aktien, weil er von dem dahinter liegenden Unternehmen, seinen Produkten/Dienstleistungen und oder dem Management überzeugt ist. Er strebt – sieht man von kurzfristig agierenden Händlern ab – eine lange Haltedauer der Aktie an, um von der angenommen positiven Unternehmensentwicklung zu profitieren, die sich in steigenden Aktienkursen manifestiert.

In der Börsen Sprache bezeichnet man einen Kauf von Aktien auch mit „long“ gehen. Man geht also „long“ wenn man auf steigende Notierungen setzt.

Was aber tun, wenn man von einem börsennotierten Unternehmen nicht überzeugt ist? Wenn man denkt, dass die Notierungen fallen werden? Besitzt man solche Aktien, wird man vermutlich verkaufen und sich von seiner Beteiligung trennen. Aber was, wenn man von fallende Kursen einer Aktie profitieren will, die man gar nicht besitzt?

Hier kommen dann Leerverkäufe ins Spiel. Wie Eingangs erwähnt, verkauft man hier Aktien, die man gar nicht im Depot hat. Damit das klappt, muss man sich die Aktien ausborgen, um sie sodann leer zu verkaufen. Wie das genau abläuft, erfahren wir im nächsten Abschnitt.


Wie laufen Leerverkäufe bei Aktien ab?

Wir wissen nun bereits, dass wir, wenn wir an fallenden Kursen von Aktien profitieren wollen, die wir gar nicht besitzen, uns diese Aktien ausborgen müssen. Ist das so einfach? Im Prinzip ja. Vor allem dann, wenn man sich dabei an liquide Aktien hält. Also an die sogenannten Blue Chips.

Hier ist das tägliche Handelsvolumen sehr hoch. Man kann also einerseits bedenkenlos kaufen und verkaufen. Und man kann eben auch so gut wie immer einen Leerverkauf durchführen, weil vor allem institutionelle Marktteilnehmer Aktien, die sie selber langfristig im Depot halten, gerne verleihen.

Aber das geschieht natürlich nicht aus Nächstenliebe, wie wir später noch sehen werden, und daher müssen wir uns im folgenden Abschnitt ansehen, wie so ein Leerverkauf im Detail abläuft.


Leerverkäufe – Ablauf in der Theorie

Um den Ablauf eines Leerverkaufs zu verstehen, muss man die Theorie von der Praxis trennen. Theoretisch läuft es so ab, dass man Aktien, die man nicht besitzt, ausborgt. Gleich nach dem Ausborgen verkauft man die Aktien über die Börse.

Der erzielte Verkaufspreis wird dem Konto gutgeschrieben. Und nun hofft man, dass die Kurse fallen. Man will ja am Kursverlust verdienen, und man darf nicht vergessen, dass man fremde (ausgeborgte) Aktien verkauft hat.

Man muss die Aktien also irgendwann wieder zurückgeben. Und natürlich ist der Hintergedanke, dass man sie nach Tagen oder Wochen billiger an der Börse zurück kaufen kann, weil eben der Kurs nach dieser Annahme hin fallen wird. Man kauft also beispielsweise nach 4 Wochen die Aktien zurück und gibt sie gleichzeitig dem wieder, der sie verliehen hat.

Und nun noch die Sache mit der Nächstenliebe: für den Verleih der Aktien bekommt der Besitzer eine Prämie. Meist wird pro Tag ein kleiner Betrag Provision fällig. Das heißt, dass ein Besitzer von Aktien, der diese für Leerverkäufe zur Verfügung stellt, immer Geld verdient: Nämlich die Provision.

Der Leerverkäufer selber trägt das Risiko, denn natürlich kann niemand wissen, ob seine Idee aufgeht. Ob also die Aktie wirklich nach dem Verkauf an Wert verliert, und man sie so günstiger zurückkaufen kann. Sehen wir uns so einen Leerverkauf an zwei Beispielen an.


Leerverkäufe mit Gewinn

Ich borge mir 100 Aktien und mache einen Leerverkauf zu USD 60.- (bleiben wir der Einfachheit halber bei runden Zahlen). Der Erlös beträgt USD 6.000.

Vier Wochen später ist die Aktie auf USD 50 gefallen. Ich kaufe sie für USD 5.000 zurück. Die Differenz von USD 1.000 (abzüglich der Provision für den Verleiher) ist mein Gewinn.


Leerverkäufe mit Verlust

Ich borge mir 100 Aktien und mache einen Leerverkauf zu USD 60.- (bleiben wir der Einfachheit halber auch hier bei runden Zahlen). Der Erlös beträgt USD 6.000.

Vier Wochen später ist die Aktie auf USD 70 gestiegen. Ich kaufe sie für USD 7.000 zurück. Die Differenz – in dem Fall zu meinen Ungunsten - von USD 1.000 (abzüglich der Provision für den Verleiher) sind mein Verlust.


Leerverkäufe in der Praxis

So ein Leerverkauf klingt in der Theorie kompliziert mit all dem Ausborgen und Zurückgeben. In der Praxis bemerkt der Aktien Händler dieses „Ausborgen“ gar nicht. Denn Broker bzw. Liquiditätsprovider (Marketmaker etc.) übernehmen diese Aufgabe.

Um einen Leerverkauf praktisch durchzuführen, klickt man in den Handelsplattformen der Broker statt auf Kaufen einfach auf Verkaufen von Aktien, die man nicht besitzt. Und schon hat man einen Leerverkauf ausgeführt. Was man im Gegensatz zur Spekulation auf steigende Kurse (wir erinnern uns = long gehen) eine „short“ Position nennt.


Leerverkäufe – Chancen und Risiken

Ein Leerverkauf wird gerne als eine sehr riskante Handelstechnik dargestellt. Die Bedenken sind – erneut in der Theorie – gerechtfertigt. Denn wenn ich Aktien leer verkaufe und der Kurs der Aktie steigt um mehrere hundert Prozent, dann ist mein Verlust auch dementsprechend hoch.

Wenn ich hingegen Aktien kaufe, kann eine Aktie zwar auf Null fallen und wertlos werden, höher als 100% + Gebühren ist mein Verlust aber nie. (Im Gegensatz zu einem Leerverkauf.)

In der Praxis ist dieses Risiko, mehrere hundert Prozent zu verlieren, de facto Null. Denn erstens wird jeder umsichtige Händler nur Blue Chips leer verkaufen (und keine kleinen Nebenwerte wo solche extremen Bewegungen auch über Nacht möglich wären). Und zweitens sind Leerverkäufe vom Zeithorizont fast immer kurz und mittelfristig angesetzt.

Über mehrere Jahre werden so gut wie nie Short Positionen gehalten, weil hier die Provision für den Verleiher in Relation zu teuer wird.

Bei diversen beliebten Leerverkäufer-Aktien ist das Risiko alles andere als null, vor allem bei Biotech-Aktien oder Aktien, welche vielleicht Ziel eines hostile takeovers oder Mergers sein könnten.


Leerverkäufe vs. Short gehen

Bei Aktien spricht man von einem Leerverkauf, wenn man mit fallenden Kursen Geld verdienen will. Aber natürlich kann man auch in anderen Anlageklassen wie beispielsweise bei Rohstoffen oder bei Währungen mit fallenden Kursen Geld verdienen. Allerdings spricht man hier eher von long und short, wenn man beispielsweise bei Gold auf fallende Kurse setzt.

Währungen werden oft in Form von Währungspaaren gehandelt. Das meist gehandelte Währungspaar der Welt ist der Euro im Verhältnis zum US Dollar. Hier handelt man dann entweder EUR/USD oder USD/EUR – je nach dem ob man glaubt, dass der Euro dem Dollar gegenüber stärker oder schwächer wird.

Auch bei ganzen Indizes wie einem Dax oder Dow Jones, um nur zwei zu nennen, kann man long oder short gehen. Hier existieren zahlreiche Produkte wie Futures, CFDs, ETFs und vieles mehr mit denen man sowohl an steigenden als auch an fallende Notierungen profitieren kann.


Leerverkäufe als Risikomanagement

Die Aktienmärkte sind Märkte, die tendenziell steigen. Daher macht es zunächst immer Sinn, auf steigende Kurse zu setzen. Aber für den Fall eines Falles kann man sich gegen einen Zusammenbruch des Marktes absichern. Zum Beispiel, in dem man Strategien entwickelt, die auch auf fallende Kurse setzen.

Denn stellen Sie sich vor, sie sind mit 80% Ihres Geldes klassisch in Aktien investiert und gehen von steigenden Kursen aus. Mit 20% aber machen Sie Leerverkäufe und wollen an fallenden Kursen profitieren.

Die 20% machen nun (vermutlich) nur dann Profit, wenn die Märkte (stark) fallen. Und damit mindern Sie Ihre Verluste von den 80% mit denen Sie long waren. Aber warum steht hier „vermutlich“? Das klären wir im nächsten Abschnitt.


Leerverkäufe bei Einzel Aktien sind kein Risikomanagement

Erneut – theoretisch – kann man, wenn man gleichzeitig in verschiedenen Aktien long und short geht, das Risiko reduzieren. Denn wenn die Märkte steigen, steigen aufgrund der starken Korrelation der Werte, so gut wie alle Aktien. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel.

Wenn die Märkte hingegen crashen, fallen ebenso so gut wie alle Aktien. Aber – was mache ich, wenn es gerade keine lukrativen Möglichkeiten für einen Leerverkauf gibt? Dann habe ich zwar 20% meines Geldes für eine vermeintliche Leerverkaufsstrategie reserviert, aber die 20% sind nicht in Leerverkäufen drinnen, weil es gerade keine Möglichkeiten gibt.

Nicht nur, dass ich dann mit diesen 20% kein Geld verdienen kann, sondern der Plan, mein Depot abzusichern, geht ebenso nicht auf. Daher kann man Leerverkäufe bei Einzelaktien nutzen, um Geld zu verdienen, wenn man Gelegenheiten findet.

Um sein Depot abzusichern, eignen sie sich aus dem genannten Grund nicht. Trotzdem gibt es Möglichkeiten der Absicherung und die besprechen wir im nächsten Abschnitt.


Leerverkäufe als Hedging

Anstatt in Einzel Aktien short zu gehen (einen Leerverkauf zu machen), verwenden Profis hier viel lieber den Gesamtmarkt als Underlying. Ein Beispiel: Sie sind in diversen Aktien des US amerikansichen S&P 500 Index mit 80% Ihres Geldes investiert. Sie spekulieren also auf steigende Kurse.

Die verbleibenden 20% geben Sie jetzt in ein Produkt, das dann Gewinne macht, wenn die Märkte fallen. Anstatt Einzeltitel verwenden Sie jedoch den ganzen Index. Sie sind also in Einzelaktien long und im Gesamtmarkt short. Das macht Sinn und damit kann man wirklich das Risiko einer Anlage senken.

Natürlich kostet in steigenden Märkten eine solche Absicherung Geld. Nämlich in etwa 20%. Das Absichern des Depots nennt man übrigens Hedging, und das ist so etwas wie eine Versicherungsprämie, die man zahlt, wenn schlechte Zeiten (fallende Börsen) kommen.


Leerverkäufe und Dividenden

Aktiengesellschaften zahlen oft eine Dividende, hierzulande meist einmal im Jahr und in den USA sehr häufig quartalsweise. Ist man nun über einen Dividendentermin short, profitiert man aufgrund des Dividendenabschlags von den fallenden Kursen.

Doch freuen sie sich nicht zu früh. Die Dividende selbst, die man bekommt, wenn man Aktien besitzt, die muss ein Leerverkäufer zahlen. Es ist somit weitgehend – sieht man von etwaigen Gebühren ab – ein Nullsummenspiel. Sie profitieren vom Kursrückgang, bezahlen aber die Dividende. Beides sollte ungefähr der gleiche Betrag sein.


Leerverkäufe als Gefahr für die Märkte?

Wenn es zu Aktien schlechte News gibt, und die Notierungen stark fallen, wird in den modernen Märkten der Handel gerne temporär für einige Minuten unterbrochen. Das dient dem Zweck, dass sich die Marktteilnehmer beruhigen können und nicht überhastet agieren und die Kurse in den Keller prügeln.

Dieser Trading Halt kann mehrmals pro Tag erfolgen. Damit soll auch verhindern, dass Leerverkäufe die Abwärtstendenz verschlimmern.

Weiterhin kann es sein, dass es temporäre Einschränkungen von Leerverkäufen gibt. Diese werden von der Börsenaufsicht ausgesprochen und können mehrere Tage lang dauern. Es gibt also zahlreiche Schutzmechanismen, um einen kompletten Zusammenbruch der Märkte zu verhindern, was auch – bewusst – das Leerverkaufen schwieriger macht.

Ob diese Maßnahmen bei einem heftigen Crash aber ausreichend sind, wird man leider erst dann sehen, wenn es so weit kommt.

Doch eines sei noch erwähnt: Leerverkäufer werden gerne für den Zusammenbruch einzelner Aktien verantwortlich gemacht. Oder gleich für einen Börsencrash. Aber ob das korrekt ist, muss doch massiv angezweifelt werden. Denn die großen institutionellen Marktteilnehmer, die mit ihren Milliarden die Märkte bewegen, dürfen gar keine Leerverkäufe absetzen.

Pensionskassen oder Fondsverwaltungsgesellschaften sind immer long, setzen also auf steigende Kurse. Was die Märkte oft stark fallen lässt, sind nicht „böse“ Leerverkäufer sondern große Marktteilnehmer, die ihre Long Positionen auflösen und in Cash gehen. Sie gehen aber nicht short. Das tun nur manche Hedgefonds oder private Trader.

Es hat also den Anschein, dass man einen Sündenbock für fallende Märkte sucht, und hier ist der „böse“ Leerverkauf schnell ausgemacht. Doch viel eher sind es massiv aufgelöste (long) Engagements, welche die Märkte zum Absturz bringen. Und niemand kann einem Marktteilnehmer verbieten, dass er Aktien, die er besitzt, veräußert.


Leerverkäufe – Fazit

Leerverkäufe werden gerne missverstanden. Oder gar nicht verstanden. Denn um das Short Selling zu begreifen, muss man „verkehrt“ herum denken. Man gewinnt, wenn Aktien fallen.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss man sich Aktien, die man gar nicht besitzt, ausborgen, verkaufen und später (im Idealfall billiger) zurückkaufen. Der Verleiher bekommt eine Provision, und der Leerverkäufer hat eine Gewinnchance.

Auch wenn die Kurse schneller fallen als sie steigen, steigen die Aktienmärkte tendenziell. Daher muss man schon besondere Situationen finden, um mit einem Leerverkauf Geld zu verdienen. Oder man nutzt „das short gehen“, um das Depot abzusichern. Aber dann steht nicht der zusätzliche Gewinn im Fokus, sondern die Reduktion möglicher Verluste.

Leerverkäufe sind auch nicht gefährlicher als das Spekulieren auf steigende Kurse. Vor allem dann nicht, wenn man sich an Blue Chips orientiert. Generell trägt jeder Anleger ein gewisses Risiko – egal ob er long oder short ist.

Und so oder so – an der Börse kann man nur dann Geld verdienen, wenn man einen Plan hat. Dies gilt für Leerverkäufe und steigende Kurse gleichermaßen.



Über den Autor:

Thomas Vittner ist selbständiger Aktienhändler, Bestseller Autor und Trading Coach. Er handelt seit 2001 erfolgreich an der Börse. Im Jahr 2009 beendete er eine erfolgreiche Karriere in der Versicherungsbranche, um selbständiger Trader zu werden.

2009 veröffentlichte er auch seinen ersten Buch-Bestseller (Das Trader Coaching). Das Buch ist mit über 15.000 verkauften Exemplaren nach wie vor eines der meistverkauften Börsenbücher im deutschen Sprachraum.

2016 gründete Thomas Vittner den weltweit ersten Aktien Robo Advisor, einen digitale Finanzdienstleister. Er leitete dieses Unternehmen bis zum Verkauf mehr als 3 Jahre als Geschäftsführer.

Heute widmet sich Thomas vor allem der Ausbildung privater Trader in Form von Seminaren, Online Kursen oder personal Coachings. Mehr über Thomas Vittner erfahren Sie auf seiner Homepage: https://thomasvittner.com/about/